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Lieber Hühnerhaut als Gänsehaut

Urs Gfeller schrieb:

> Von Balz Spörri, erschienen in der Sonntagszeitung vom 24.9.2006, S. 87
> 
> 
> Die Sprachforschung belegt: Der Hochdeutschkomplex der Schweizer ist 
> --------------------------------------------------------------------
> unbegründet
> -----------
> Wenn Schweizer Hochdeutsch sprechen, ist das... ja, was eigentlich? Für die
> meisten Schweizer ist die Antwort klar: schlechtes Hochdeutsch. Bezüglich
> ihres Sprachvermögens leiden die Schweizer namlich an einem Minderwertig-
> keitskomplex. Dies zeigt ein Experiment, das der Linguist Joachim Scharloth
> im neuen Sammelband "Schweizer Standartdeutsch"* veröffentlicht hat.
> 
> Scharloth wollte wissen, wie Deutschweizer das so genannte "Schweizer
> Hochdeutsch" wahnehmen. Dazu spielte er 50 Testpersonen ab Tonband Sätze
> vor, die diese anschliessend als gutes, korrektes, aber schlechtes oder
> fehlerhaftes Hochdeutsch bewerten mussten. Ein Teil war in deutscher
> Standardsprache formuliert, ein anderer enthielt schweizerische Varianten
> wie "Der Pöstler macht sich auf die Tour" oder "Fritz ist im Bett gelegen
> (statt der Briefträger bzw. hat gelegen).
> 
> Das Ergebnis des Experiments ist erstaunlich: Die Schweizer Testpersonen
> bewerteten 72 Prozent der Sätze mit Helvetismen als fehlerhaftes oder
> schlechtes Hochdeutsch - dies, obwohl die Sätze laut Duden völlig korrekt
> waren.  "Dies kann als starker Beleg dafür gewertet werden, dass die
> schweizerhochdeutschen Varianten unter Deutschweizern ein schlechtes
> Sprachprestige besitzen", folgert der Linguist Scharloth.
> 
> Das Schweizer Hochdeutsch ist keine fehlerhafte Abweichung
> ----------------------------------------------------------
> Diese Geringschätzung steht in krassem Gegensatz zur Beachtung, die dem
> Schweizer Hochdeutsch in jüngster Zeit von der Linguistik zuteil geworden
> ist. Sprachwissenschaftler betrachten Deutsch heute als plurizentrische
> Sprache. Das heisst: Das von den Schweizern geschriebene und gesprochene
> Hochdeutsch wird nicht mehr als fehlerhafte Abweichung von einer zentralen
> hochdeutschen Norm betrachtet, sondern als eigenständige gleichwertige
> Varietät - als Schweizer Standartdeutsch. Mit standardsprachlich meint man
> jene Formen, die im öffentlichen Sprachgebrauch als angemessen und korrekt
> gelten.
> 
> Doch worin unterscheidet sich das Schweizer Standarddeutsch vom deutschen
> Standarddeutsch? Die Linguistik hat zahlreiche Unterschiede herausgearbei-
> tet: Besonders auffällig sind die Unterschiede in der gesprochenen Sprache.
> Spricht ein Schweizer Hochdeutsch, ist ihm seine Herkunft leicht anzuhören:
> Das Sprechtempo ist langsamer, die Sprechmelodie markanter, under er neigt
> dazu, alle Wörter auf der ersten Silbe zu betonen. (z.B. _a_bsichtlich
> statt abs_i_chtlich; _u_ngaublich statt ungl_a_ublich). Auch die Aussprache
> weist zahlreiche Besonderheiten auf. So bilden Schweizer alle "ch" hart im
> Gaumen (im Fachjargon "uvularer Frikativ") oder sprechen alle "a" dunkel
> aus.
> 
> Augenfällig sind auch die Unterschiede im Wortschatz (siehe Kasten unten).
> Wenn ein Schweizer einen Horrorfilm schaut, bekommt er Hühnerhaut, der
> Deutsche Gänsehaut. Schweizer parkieren ihr Auto, Deutsche parken. Ihre
> Kleider versorgen die Schweizer im Kasten und nicht im Schrank, die
> Einkäufe kommen in den Sack und nicht in die Tüte.
> 
> 
> Für deutsche Ohren kling unser Hochdeutsch etwas gespreizt
> ----------------------------------------------------------
> Das vor zwölf Jahren erschienene Variantenwörterbuch hat erstmals sämtliche
> standardsprachlichen Varianten in Deutschland, Österreich und der Schweiz
> aufgelistet. Dazu zählen auch Unterschiede beim Geschlecht: Bikini ist im
> Schweizer Hochdeutschen neutral, im deutschen Hochdeutsch männlich, in der
> Schweiz heisst es das E-Mail, in Deutschland die E-Mail. Unterschiede gibt
> es auch bei der so so genannten e-Fuge: Schweizer sagen Badmeister und
> Wartsaal, Deutsche Bademeister und Wartesaal. Für deutsche Ohren klingt das
> Schweizer Hochdeutsch oft etwas gespreizt. So verwenden Schweizer gerne das
> Relativpronomen "welcher" statt des kürzeren "der".
> 
> Das alles betrifft sozusagen die Oberfläche der Sprache. "Von Helvetismen
> redet man meist nur auf der Ebene des Wortschatzes", hat Christa Dürscheid
> festgestellt. "Die Unterschiede beim Satzbau, der Syntax, sind subtiler und
> deshalb nicht so auffällig." In einem Beitrag für den Band "Schweizer
> Standarddeutsch" konnte die Zürcher Linguistikprofessorin jetzt erstmals
> empirisch nachweisen, dass sich das Schweizer Hochdeutsch durch eine Reihe
> von syntaktische Konstruktionen vom deutschen Standarddeutsch unterschei-
> det.
> 
> Zusammen mit Inga Hefti hat sie speziell die so genannte Vorfeldbesetzung
> in Aussagesätzen wie "Bereits befürchtet die Polizei soziale Unruhen"
> untersucht. Diese Satzstellung kommt im Schweizer Standarddeutsch häufig
> vor, in bundesdeutschen Texten jedoch kaum. Dies ergab eine Computerge-
> stützte Auswertung deutschsprachiger Printmedien. In vier Jahrgängen des
> Mannheimer Boten und zwei Jahrgängen des Spiegels fand sich eine einzige
> Satzkonstruktion mit "bereits + finites Verb". Im St. Galler Tagblatt
> dagegen zählte Dürscheid allein in einem Jahr Duzende Belege. Das Gleiche
> gilt für die Satzkonstruktion "Kein Wunder, + Verb" (z.B. Kein Wunder, ist
> nichts passiert), "Schade, + Verb" sowie "Kommt hinzu, dass..."
> 
> Bestätigt werden diese Befunde durch eine Internetumfrage im ganzen
> deutschsprachigen Raum () sowie
> eine Befragung von 70 deutschen und 77 Schweizer Studenten. So gaben 55
> Prozent der Schweizer Studenten an, dass sie den Satz "Schade, bist du
> gestern nicht hier gewesen" verwenden würden. Von den deutschen würden dies
> nur 6 Prozent tun.
> 
> Worauf diese eigentümlichen Satzstellungen zurückzuführen sind, ist noch
> unklar. Zum Teil spielt der Dialekt hinen ("Schad, bisch nöd cho."). Doch
> das Wort "bereits" existiert in der Mundart gar nicht. Seine prägnante
> Stellung muss also einen anderen Grund haben.
> 
> Christa Dürscheid plant nun, analog zum Variantenwörterbuch eine Varianten-
> grammatik zu schreiben. Ein Projekt mit drei Forschergruppen in Deutsch-
> land, Österreich und der Schweiz ist angedacht, erste Vorarbeiten liegen
> vor. Diese Grammatik, so Dürscheid, soll eine Bestandesaufnahme und
> gleichzeitig Nachschlagewerk werden.
> 
> Davon profitieren könnten nicht zuletzt die Schweizer Schüler. Studien
> haben gezeigt, dass die Lehrer Helvetismen gerne als Fehler anstreichen.
> "Man bewertet oft mit teutonischem Masstab", sagt Dürscheid. "Wenn die
> schweizerhochdeutschen Varianten in einer Grammatik kodifiziert werden,
> könnte sich dies ändern. Die Lehrer würden toleranter korrigieren",
> vermutet Dürscheid. "Und die Schweizer könnten selbstbewusster zu ihrem
> eigenen Deutsch stehen".
> 

> Kasten:
> 
> Schweiz                              Deutschland
> 
> Rechtschreibung
> immer ss                             ss und scharfes s (sz)
> Kücken                               Küken
> Schweizerkäse                        Schweizer Käse
> 
> Wortbildung
> parkieren                            parken
> Redaktor                             Redakteur
> grillieren                           grillen
> Badmeister                           Bademeister
> des Substantivs                      des Substantives
> 
> Wortschatz
> Telefonkabine                        Telefonzelle
> Hühnerhaut bekommen                  Gänsehaut kriegen
> Peperoni                             Paprika
> Pfanne                               Kochtopf
> 
> Wortgrammatik
> das Bikini                           der Bikini
> das Haus, welches                    das Haus, das
> ich bin gesessen                     ich habe gesessen
> sie rief ihm                         sie rief ihn
> 
> Satzbau
> Ich bin froh, habe ich es nicht      Ich bin froh, dass ich es nicht
> vergessen.                           vergessen habe.
> Bereits liegt in den Alpen Schnee.   In den Alpen liegt schon Schnee.
> Schade, bist du nicht gekommen.      Es ist schade, dass du nicht gekommen 
>                                      bist.

> * Christa Dürscheid/Martin Businger (Hg), "Schweizer Standarddeutsch", 
>   Tübingen 2006


Ralf Wachinger antwortete:
Glaub mir, wenn man das eine oder andere schweizspezifische austauschen würde, dann könnte der Artikel von den Befindlichkeiten und Problemen her ebenso über das Bairische Hochdeutsch stehen. Nur hatte ich bisher gedacht, dass die Schweizer nicht gar solche Probleme hätten, also mehr eigenständiges Sprachbewusstsein als die Süddeutschen, und zudem die offizielle Unterstützung für regionale Formen erheblich stärker sei als in Südddeutschland. Alle Deutschen bei diesem Thema über einen Kamm zu scheren, wäre verfehlt. Das Standarddeutsch ist nicht Gesamtdeutsch in Deutschland, sondern mehr ein Kunstprodukt, Norddeutsch geprägt und mit Bühnendeutsch als Aussprachenorm. Es gibt nur eine scheinbare Einigkeit und Gleichförmigkeit innerhalb Deutschlands in Bezug auf die Sprachkorrektheit. Der "teutonische Maßstab" (oder "der piefkinesische Maßstab" wie es bei den Österreichern wahrscheinlich heißen würde) ist zu einem beachtlichen Teil ein "preußischer Maßstab" wie die Bayern sagen würden. Klar gibt es Unterschiede zwischen der Schweiz und Südwestdeutschland (Baden-Württemberg, Bayerisch-Schwaben) einerseits und zwischen Österreich und Südostdeutschland (Altbayern) andererseits, aber auch Gemeinsamkeiten, je näher die geografische Lage, umso größere Gemeinsamkeiten. Die Grenze verläuft dialektmäßig gesehen dabei weniger staatenmäßig zwischen Nord und Süd, sondern mehr innerhalb der Länder zwischen West (alemannischer Sprachraum) und Ost (bairischer Sprachraum). Der Duden schiebt dabei gern Wörter in die Schweiz und nach Österreich ab, die auch in Süddeutschland beheimatet sind, und erweckt somit (wie auch andere standardisierende Werke) den Eindruck eines größeren Deutschland- vs. Schweiz- und Österreich-Unterschieds als es ihn auf schriftsprachlicher, mehr noch umgangssprachlicher und gar auf Dialekt-Ebene gibt. Das Verhängnisvolle ist in Deutschland ist, dass es erstens keinerlei offizielles süddeutsches Hochdeutsch gibt, zweitens dies ein geringeres Prestige zugesprochen bekommt (von nördlicher und sogar von südlicher Seite selber) als das nördliche Hochdeutsch, es drittens etliche verschiedene Dialekthauptgruppen gibt und jeweils darin eine schier unüberschaubare Anzahl mehr oder minder kleinregionaler Dialekte mit entsprechend unterschiedlicher Ausprägung der weiter in die Standardsprache reichenden Eigenheiten gibt, und es viertens unnötige Separationen, Rechthabereien und Dominanzen zwischen den Dialektregionen gibt. Das alles schwächt die Position all derjenigen, die nicht von Haus aus "reines, gestochenes" Hochdeutsch sprechen, und hat schon im Laufe des 20. Jahrhunderts zu großen Verlusten in den deutschen Sprachvarietäten geführt, die sich nie mehr ganz wiedergutmachen lassen. Heutzutage steht man dem Ganzen sprachwissenschaftlichen zwar offener gegenüber, aber der Schaden ist (und wird immer noch) angerichtet. Norddeutschland dominiert im Weiteren nicht nur beim Standarddeutschen, sondern auch dialektmäßig: Während das Plattdeutsch sogar Amtsprache in den norddeutschen Bundesländern ist und auch in der EU als offizielle Sprache anerkannt ist, gelten sämtliche süd- und mitteldeutschen Dialekte eben nur als Dialekte und als rein gesprochenes Deutsch, deren schriftsprachliche Ausläufer kaum eine "Aufenthaltserlaubnis" in der Standard-Schriftsprache zugestanden wird. Sogar in der Schule wird Plattdeutsch im Norden schon unterrichtet, während im Süden den Schülern noch die aus dem regionalen Sprachgebrauch entstehenden "Fehler" gnadenlos angestrichen werden. Ich weiß noch, wie es zu meiner Schulzeit in einer Dorfschule in Bayern war: Jeder sprach eigentlich mehr oder minder selbstverständlich Dialekt, die Schüler, die Lehrer, die Eltern, so ziemlich alle Einheimischen halt, nur war das offizielle Schulwesen "dialektfreie Zone". Also bitte nicht glauben, Deutschland wäre sprachlich geeint und gesamthaft in einer ganz anderen Situation als die deutschsprachige Schweiz oder Österreich. Peter unterstützt: Ralf Wachinger schrieb: > Das Verhängnisvolle ist in Deutschland ist, dass es erstens keinerlei > offizielles süddeutsches Hochdeutsch gibt, Was wohl daran liegt, daß der norddeutsche Martin Luther die hochdeutsche Schtiftsprache erfundne hat. Und nicht zuletzt daran, daß auf der "Zweiten orthografische Konferenz", einer Gemeinschaftsveranstaltung staatlicher Behörden und Buchhändler, die "Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis", später bekannt als Duden, als amtliches Regelwerk beschlossen, 1902 herausgegeben und ein Jahr später für Schulen und den amtlichen Gebrauch bei Behörden verbindlich erklärt wurde. Vorher gab es viele regionale Wörterbücher und Konrad Dudens "Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache" von 1880, das am Einspruch des Reichskanzlers Otto von Bismarck gegen die Einheits- rechtschreibung gescheitert ist, irgendwo habe ich sogar von einem Verbot gelesen. Die Brüder Grimm haben in ihrem 1854 gestarteten Wörterbuch dagegen nicht festgelegt, sondern gesammelt. So findne wir unter dem Stichwort *BÄR* die akzeptierten Varianten /beer/, /beren/ und /bern/, unter dem Stichwort *KATZE* /kater/, /katze/, /kitze/, /kieze/, /kutz/, /kuter/, /käuder/ und /kätz/. > zweitens dies ein geringeres > Prestige zugesprochen bekommt (von nördlicher und sogar von südlicher > Seite selber) als das nördliche Hochdeutsch, es drittens etliche > verschiedene Dialekthauptgruppen gibt und jeweils darin eine schier > unüberschaubare Anzahl mehr oder minder kleinregionaler Dialekte mit > entsprechend unterschiedlicher Ausprägung der weiter in die > Standardsprache reichenden Eigenheiten gibt, und es viertens unnötige > Separationen, Rechthabereien und Dominanzen zwischen den Dialektregionen > gibt. Ich pflege diese Situation in der Behauptung zusammenzufassen: ES GIBT KEINE DEUTSCHE SPRACHE! Jetzt darf über mich hergefallen werden.

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Datum: 27.09.2006

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